Katharinenhöhe

Presse

Frau Doktor ist auch Sorgentante

Bild: Wursthorn

Furtwangen – Endlich darf sich Paulina eine Süßigkeit aus dem Plastikdelfin fischen. Eben erst hat Astrid Gupper dem Mädchen ins Ohr geschaut, jetzt hat die kleine Patientin die Untersuchung überstanden.
 
Astrid Gupper untersucht Paulina. Papa Rudolf Zeiller lenkt das Fräulein ein wenig ab. Eine Routine-Szene der Oberärztin auf der Katharinenhöhe.

Die Oberärztin verabschiedet Vater und Tochter. Bald wird sie die Familie wiedersehen. Immer wieder, knapp vier Wochen lang.

Von der „Reha“ spricht die Österreicherin und meint dabei den mehrwöchigen Aufenthaltszyklus auf der Katharinenhöhe, der stets Routine und Konfrontation mit schweren Schicksalen mischt.

Auf der Kathrinenhöhe werden Kinder, Geschwister und Eltern auf ein Weiterleben in Qualität und Selbständigkeit vorbereitet. Manchmal auch auf eine kurze Lebensphase. Niederschmetternde Prognosen, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit gehören eben auch zum Klinikalltag. „Die Arbeit macht mir Spaß“ sagt die 36-jährige Klagenfurterin, die häufig lacht – mit Ansteckungsgefahr. Die Einbindung ins Team spielt fürs Wohlgefühl eine Rolle, aber auch das rasante Forschungstempo den kranken Kindern immer besser helfen zu können.

Erste Gehversuche in der Kinder-Onkologie, der Kinderkrebskunde, machte die Neu-Freiburgerin ab 2003 während der Weiterbildung an der Uniklinik Wien. Dort machte sie ihren Facharzt zur Kinderheilkunde und arbeitete zeitgleich jahrelang auf der Onkologie. Das Thema faszinierte, die Umsetzung im Großbetrieb weniger. Wenig Zeit für die einzelnen Patienten zu haben und die steten Pflichten aus Forschung und Lehre ließen an Alternativen denken.
Der jüngst verabschiedete ärztliche Leiter Eberhard Leidig lud sie ein, jene Einrichtung unter die Lupe zu nehmen, die – mangels eigener Nachsorgemöglichkeiten – auch österreichische Familien versorgt. Nach einer etwa blauäuigen ersten Anreise mit Bus und Bahn und nach einem „Schnupper“-Praktikum passten Astrid Gupper und die „Katha“ ab 2009 zusammen.

In den ersten drei Tagen werden die kompletten Patientenfamilien einer Gesamtuntersuchung unterzogen. So startet jede „Reha“. Medizinische, physiotherapeutische und psychologische Befunde addieren sich zu einem Bild, und geben Aufschluss, welche Therapien vielversprechend sind.
Seien es Physio- oder Ergotherapie oder Sitzungen mit dem Psychologen: die Ärzte halten die Fäden in der Hand: nicht diktatorisch, sondern im Dialog auf Augenhöhe mit den jeweiligen Fachkräften. Auch Infektionskrankheiten der jungen Patienten – häufig Folge der Chemotherapien – beschäftigen den Ärztestab. Generell habe über die Jahre weg die Beschäftigung mit medizinischen gegenüber der mit psychosomatischen Indikationen zugenommen, vergleicht Gupper. Zumal die jungen Patienten, insbesondere nach Knochenmarktransplantationen, immer früher aus den Akutkliniken kommen.

Traumatische Erfahrungen aus der Akutklinik bringen auch die Eltern mit auf die Höhe zwischen Furtwangen und Schönwald. Und können sie erst dort herauslassen. Die Ärztin wird zur Vertrauensperson in allen Lebenslagen. Ab und an lässt sich die 36-Jährige über den Dienstrahmen hinweg auf Familien ein, die ihr ans Herz gewachsen sind; nimmt per Mail und Telefon Anteil am weiteren Lebensweg. Eine Selbstverpflichtung und ein Dank fürs Vertrauen ist's, kostet Kraft und schenkt Wertschätzung für das eigene, gesunde Leben und Bewunderung für die Familien, die ihr Schicksal so bravourös annehmen.
So ist die hörbuchverschönte Heimfahrt nach Freiburg die Idealdistanz, um Abstand zu bekommen zum Job. Joggen, Tanzen, Yoga, Fotografieren und Museumsbesuche mit dem Freund pflegt die Ärztin als Hobbys und gegenüber Wien vermisst sie nur, nicht mit dem Rad in die Arbeit fahren zu können.
Aber eigentlich flunkert sie beim Lachen. Denn jeden Freitag fährt sie Rad. In die Uniklinik Freiburg, wo sie ihren Facharzt Kinderonkologie „baut“. So bleibt sie dran an der wissenschaftlichen Entwicklung. Ihr Spezialgebiet sind Hirntumore: auf der „Katha“ gerade bei jugendlichen Patienten häufige Diagnose. Viele kommen mit Hirnschäden aus Operation und Bestrahlung, müssen mit geistiger Behinderung oder Teilleistungsstörungen neu eingegliedert werden im Leben draußen. Ohne Zweifel eine erschütternde Nebenwirkung. Zur Arbeit der Ärztin gehört es die Alternativen klarzustellen. Denn statt jeder Nebenwirkung hieß das früher schlicht und oft: der Tod.