Katharinenhöhe

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Hochseilgarten: Stärke tanken auf dem „Catwalk“

„Ist das eine Artistenschule?“ Wanderer rätseln, als sie den Hochseilgarten passieren. Weit gefehlt: Das haushohe Therapiegerät der „Katharinenhöhe“; stärkt Kinder und Jugendliche auf dem Weg zurück ins Leben: Selbstbewusstsein tanken und das Vertrauen in sich und andere entdecken.

In zwei Trainingseinheiten überschreiten zehn 11- bis 15 Jährige ihre Grenzen: Konkret heißt das, sie erklettern einen Pfosten und balancieren, von unten aus gesichert, auf acht Meter Höhe über einen etwa ebenso langen Baumstamm.
Zum Applaus von unten gesellt sich das Lob von German Widmann. Der Heilpädagoge holt die mächtig stolzen Jugendlichen nach dem Balanceakt über den „Catwalk“ genannten Stamm buchstäblich ab und führt sie zur nächsten Aufgabe: sie sollen das Karree in luftiger Höhe über einen mutigen „Ritt“ mit der Seilbahn verlassen.

Vorher erklärt der 30-jährige Heilpädagoge geduldig, wo sich die Kinder während der „Flugphase“ festhalten müssen und wie sie sich, ausgependelt, aus etwa vier Meter selbst abseilen.
Der 30-jährige Allgäuer öffnete seit 2007 den damals nur Jugendlichen vorbehaltenen Klettergarten auch Kindern und Familien. Zusammen mit weiteren Therapeuten machte er damals den Trainerschein. Angebote für Patienten- wie Geschwisterkinder, Väter und Mütter entstanden. Je „Reha“ genannten Aufenthaltszyklus rechnet Widmann sechs Halbtage im Klettergarten: weil er einen Kompagnon braucht, weil er in der Klinik weitere Aufgaben hat und weil die Arbeit extrem anstrengend ist.
Raphael Gottlieb versieht die jungen Kletterer mit Helm, Hüft- und Brustgurt, sichert von unten und ist sich mit Widmann einig: heute trainiert eine „Supergruppe“, die sich das keineswegs selbstverständliche selbständige Abseilen redlich verdient hat. Und trotzdem muss Widmann bei jedem Griff und Schritt präsent sein und Ruhe ausstrahlen: wie ein Bergführer, der eine Gruppe Anfänger durchs Hochgebirge führt, findet er.
Das Ergebnis ist enorm: Nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen, die den Parcours zu Fuß, mit Gehstützen oder gar mit dem Rollstuhl überwinden: auch Eltern werden mit der Herausforderung mitunter aus in der Krankheit des Kindes resultierenden Antriebslosigkeit geholt. Oder sie lernen einfach eine sportliche Herausforderung kennen. Wie Cornelia Kopp. Die Berlinerin weiß allerdings noch nicht, ob sie im „Müttertraining“ über den Catwalk spazieren möchte.

Auf ihre Tochter Ronja ist sie stolz. Gerade hat diese die Seilbahn genossen – nachdem sie doch zunächst nie und nimmer zur Fortsetzungs-Übung antreten wollte. „Wer das geschafft hat, schafft auch mehr“ sagt die Mutter. Der Nachmittag im Hochseilgarten ist Zehrung für den Weg zurück ins Leben. Und das ist gespickt mit Schwierigkeiten, die sich nicht üben lassen: eben keine Artistenschule.