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Probleme sind für sie Herausforderungen

Er heißt Astrozytom und ist Madeleines ständiger Begleiter. Doch was sich für einen medizinischen Laien wie ein schöner Stern anhört, ist in Wirklichkeit ein gutartiger Nerven-Tumor. Er sitzt in ihrem Wirbelsäulenkanal und wächst langsam immer weiter – zuerst unbemerkt zehn Jahre lang.

Schönwald. Madeleine (25) hat schon als Kind einen krummen Rücken. Diagnose: Skoliose. Sie trägt ein Korsett und erhält Physiotherapie . Sie geht ins Ballett, spielt Fußball – doch irgendwann stolpert sie ständig. Eine Brille löst das Problem nicht, Madeleine stolpert weiterhin.

Ein MRT (Magnetresonanztomographie) zeigt ihn zum ersten Mal: Madeleines Astrozytom hat sich mittlerweile von der Lendenwirbelsäule bis zum Stammhirn hoch geschlängelt und drückt jetzt auf die Nerven. Die Gefahr, dass er in ihr Stammhirn wächst ist groß, das Risiko der Operation unabwägbar, doch unausweichlich.

2007 wird sie zum ersten Mal operiert – zwölf Stunden lang. Am Stammhirn werden Wirbel entfernt und Madeleine erhält eine Halskrause. Es reicht nicht. Drei weitere zwölfstündige Operationen im Abstand von vier Wochen folgen. Je weiter der Tumor entfernt wird, desto größer werden ihre Einschränkungen.

Madeleine ist 13 Jahre alt, sitzt jetzt im Rollstuhl und muss lernen, mit diesem neuen Leben klarzukommen.

Ihre Mutter ist immer bei ihr, der Vater arbeitet und auch ihren drei Jahre jüngeren Bruder sieht sie nur selten. Eine schwere Zeit für die ganze Familie, keine Frage.

Eine neurologische Reha in Gailingen am Bodensee hilft ihr sehr, Madeleine wird immer selbstständiger und ist froh, die OPs hinter sich zu haben. Was noch vor ihr liegt, weiß sie nicht. Im Nachhinein war es wohl die Ruhe vor dem Sturm. 80 Prozent des Tumors konnten entfernt werden, doch der Rest wächst weiter, wenn auch sehr langsam.

2010 die erste Chemo, eine Bestrahlung ist zu riskant und eine weitere Operation kommt nicht infrage. Madeleine muss immer wieder in die Klinik. Und nicht jede Chemo schlägt an. Ihre Form eines Astrozytoms ist extrem selten, Madeleine nimmt an Studien teil und muss immer wieder Medizinstudenten ihr Krankheitserleben schildern. "Das ging eigentlich ganz gut", erinnert sich Madeleine. Mit 18 Jahren, während einer Chemo, besteht sie ihr Abitur. Madeleine hat keine einzige Klasse wiederholt und oft Hausunterricht bekommen, was ihr sehr geholfen hat.

Im November 2013, mit 19 Jahren, ist sie zum ersten Mal in der Katharinenhöhe. "Eine psychosoziale Mitarbeiterin des Krankenhauses hat das in die Wege geleitet und dafür bin ich heute noch dankbar", berichtet sie.

Madeleine geht es schlecht, keine Haare mehr, dazu tiefster Winter im Schwarzwald und zum ersten Male alleine ohne ihre Mutter. "Wo bin ich hier gelandet?", denkt sie die ersten Tage. "Und dann war es richtig schön", berichtet Madeleine. "So viele Therapien und ich konnte sogar reiten und auf den Hochseilgarten, trotz Rollstuhl! Das hätte ich nie gedacht."

Oktober 2019. Madeleine hat ihr BWL-Studium beendet und arbeitet im Porsche-Zentrum in Stuttgart. Sie wohnt noch bei den Eltern, steht früh auf, hat ihren Führerschein, ein eigenes Auto und fährt jeden Tag eine Stunde zu ihrer Arbeit. Wenn sie Therapien hat, ist sie erst um 21 Uhr wieder zu Hause. Sie ist unter Menschen und das sehr gerne. "Ich bin mega abgelenkt, mir fehlt es an nichts, die Krankheit soll nicht mein Leben regieren", sagt sie und ist ihren Eltern sehr dankbar. "Sie haben mir alles ermöglicht."

Madeleine ist in diesem Jahr zum vierten Mal in der Katharinenhöhe. Sie braucht diese Auszeit. Therapiepläne werden überarbeitet und intensiv umgesetzt, Untersuchungen durchgeführt, und das Miteinander in einer Gruppe gibt ihr Kraft und Zuversicht. Die Katharinenhöhe ist ihr zweites Zuhause geworden, der Ort, an dem sie Kraft schöpfen kann für ihr tagtägliches Leben, das einfach komplizierter ist.

Madeleine möchte ein Buch schreiben, ein Motivationsbuch nach dem Motto: Es gibt viele schöne Seiten im Leben – trotz Krebs.

Probleme sind für Madeleine eigentlich nur Herausforderungen. "Wenn man mit einem Bein über dem Abgrund stand, weiß man, wie man damit umgeht."

Und natürlich lebt auch Madeleine mit der Angst im Nacken. Doch: "Ich habe einen Überlebensinstinkt entwickelt – gemeinsam mit anderen jungen Menschen auf der Katharinenhöhe, denen es ähnlich geht", erzählt die tapfere junge Frau.

Madeleine Krankheit ist hart, doch "ich bin so froh, dass ich so tolle Menschen kennenlernen durfte und diese coolen Aktionen in der Katharinenhöhe geben mir so viel", sagt Madeleine und lacht. Die Krankheit sei nicht das Schlimme, sondern die Hürden, die man überwinden müsse, das koste einfach viel Kraft. Madeleine sitzt seit September im Ortschaftsrat in ihrer Heimatgemeinde. Barrierefreiheit ist ihr großes Thema, das sie mit Elan angeht. Die Katharinenhöhe ist für das kommende Jahr wieder fest eingeplant. Madeleine freut sich auf ein Wiedersehen, auf vier Wochen im vertrauten Rahmen, auf Zuwendung, auf Verstehen ohne Worte, auf maßgeschneiderte Therapien und viel, viel Freude und Freunde.

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